„Jeder Pinselstrich ist ein Schritt nach vorn – frei, schöpferisch und voller Möglichkeiten, in die Welt zu kommen.“ – Horst Benz
Freie Malerei ist eine wunderbare Möglichkeit, unserem Dasein einen ganz persönlichen Ausdruck zu verleihen. Im Alltag handeln wir meist zweckorientiert – wir werden für andere sichtbar, indem wir Aufgaben erfüllen oder Erwartungen entsprechen. In der Kunst dagegen – besonders in der freien Malerei – müssen keine Zwecke erfüllt werden: ein Bild entsteht aus inneren Impulsen heraus und genügt sich selbst. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft: Freie Malerei macht sichtbar, was uns als Menschen einzigARTig macht. Sie eröffnet einen Raum, in dem Persönlichkeit unmittelbar deutlich wird. Für uns ist sie ein direkter, immer wieder neuer Weg, in Beziehung zur Welt zu treten – authentisch, schöpferisch, frei.
Wenn wir malen, zeigen wir nicht nur unser technisches Können – wir bringen uns selbst zum Ausdruck, und zwar mit allem, was gerade zu uns gehört: Freude, Leidenschaft, Fantasie, Gedanken, Träume, ebenso wie Zweifel, Ängste und Verletzlichkeit. Freie Malerei lebt davon, all diese Facetten ins Bild zu bringen und darin eine stimmige Balance zu finden.
So wie es keine „richtigen“ oder „falschen“ Menschen gibt, so gibt es auch in der freien Malerei kein Richtig oder Falsch: ein Bild kann nicht zu bunt, zu dunkel oder lebendig genug sein. Dennoch wirken Bilder auf uns – und diese Wirkungen sind uns sehr wichtig. Wir betrachten sie wertfrei: Sobald ein Bild im Betrachtenden etwas auslöst, besitzt es Qualität. Es zählt nicht das Urteil, sondern die Resonanz.
Unser Sehen ist geprägt von Erfahrung – wir erkennen Farben, Räume, Bewegungen, Licht und Schatten intuitiv. Diese Seherfahrungen lassen sich auch in der freien Malerei gezielt einsetzen: Bilder können Tiefe, Leuchten oder Atmosphäre vermitteln, wenn wir mit den entsprechenden visuellen Phänomenen bewusst umgehen.
Freie Malerei ist ein offener Prozess. Mit jedem Pinselstrich wandelt sich das Bild – und auch wir. In Anlehnung an Heraklit ließe sich sagen: „Kein Bild bleibt, wie es war – und kein Mensch, der es malt.“ Wir folgen unserer Intuition und entscheiden Schritt für Schritt, wie es weitergeht. Dabei richtet sich der Blick nicht zurück auf das, was vielleicht schon „gelungen“ war oder verloren ging. Es geht immer nur darum, den nächsten Schritt zu finden, es geht immer nur nach vorne.
So wächst ein Bild organisch, und die Idee des Bildes, die zu Beginn des Prozesses völlig unbekannt war, wird nach und nach sichtbar.
Auch wenn zur freien Malerei der offene Malprozess unabdingbar ist – das fertige Bild ist uns genauso wichtig. Es zeigt den Moment, in dem eine sehr wichtige Entscheidung getroffen wurde: So soll es bleiben. Mit dem fertigen Bild kann der Dialog mit anderen Menschen beginnen. Und wenn es gelingt, andere damit innerlich zu berühren, dann wird auch das mit einem Bild verbundene Unsichtbare spürbar – und es entsteht Kunst.